Wo ich bin ist Hessen
Am 26. Juli jährt sich der Geburtstag von Lia Wöhr zum einhundertsten Mal.

Lia Wöhr in ihrer Paraderolle als Wirtin
Lia Wöhr in ihrer Paraderolle als Wirtin vom Blauen Bock (Bild: Archiv Lia Wöhr/txn)
Wer den Namen Lia Wöhr hört, denkt vor allem an zwei Dinge: „Familie Hesselbach“ und „Der Blaue Bock“, beides sehr erfolgreiche Fernsehformate, an die sich die Nachkriegsgeneration immer wieder gern erinnert. Und beide wären ohne Lia Wöhr nicht zu dem geworden, was sie heute sind. Aber die beliebte Hessin war weit mehr als nur die Darstellerin der Putzfrau bei den Hesselbachs oder die Apfelwein-Wirtin. Sie war eine hoch intelligente, vielsprachige, international aktive und erfolgreiche Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin. Und sie prägte im Laufe ihres Berufslebens die deutsche Kultur- und Fernsehlandschaft deutlich intensiver, als es die meisten wissen.

Die Bilderbuch-Karriere von Lia Wöhr begann mit einem Besuch der Oper Salomé in ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main. Für das Mädchen ein Schlüsselerlebnis, denn unmittelbar danach begann sie mit einer Ballettausbildung und blieb dem Plan, Tänzerin zu werden, auch konsequent und bis zu den ersten Auftritten auf Frankfurter Bühnen treu. Dann entdeckte die Tochter eines Bäckermeisters die Liebe zum Theater, wollte auch hier eine gute Ausbildung und besuchte bis Ende 1929 die Frankfurter Schauspielschule. Parallel hatte Lia Wöhr bereits erste Engagements als Chansonsängerin im Berliner Kabarett „Porza“. Nach Abschluss der Schauspielausbildung ging sie an das Stadttheater Halberstadt, das die damals Achtzehnjährige als „Junge Naive“ verpflichtete. Nach weiteren Engagements in Magdeburg und Berlin spielte Lia Wöhr ab 1935 wieder in ihrer hessischen Heimat in Frankfurt Theater – und brillierte dort in klassischen Rollen.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, wuchs bei Lia Wöhr das Interesse an der Regiearbeit. Sie verantwortete diverse erfolgreiche Opernproduktionen und lernte schließlich Eberhard Beckmann kennen. Der damalige Intendant von Radio Frankfurt brachte sie zum Hörfunk und legte damit einen wichtigen Grundstein für die weitere Karriere von Lia Wöhr. Sie spielte in der Hörspielfassung von Wolfgang Schmidts „Familie Hesselbach“ die Mutter, entdeckte parallel ihr Talent als Produzentin und wurde zielstrebig schon 1956 beim Hessischen Rundfunk Programmproduzentin – als erste Frau überhaupt. Das Multitalent Lia Wöhr arbeitete in den folgenden Jahrzehnten sehr erfolgreich und extrem vielseitig. Sie produzierte unter anderem den TV-Straßenfeger „Die Hesselbachs“, stand dabei in fast allen Folgen als hessisch babbelnde Putzfrau Siebenhals gleich mit vor der Kamera, war federführend bei kulturellen Highlights wie Bachs „Johannespassion“ oder Strawinskys „Feuervogel“ und zeichnete für erfolgreiche Unterhaltungssendungen wie „Die Montagsmaler“ und die deutschen Vorentscheidungen zum Eurovision Song Contest verantwortlich. Gleichzeitig zog es sie immer wieder zurück auf die Bühne am Frankfurter Volkstheater. Noch heute sind ihre Auftritte mit dem Pudelmischling Tony unvergessen.

Und als ob das alles noch nicht beeindruckend genug gewesen wäre, stand ihr größter Erfolg noch bevor: Als Wirtin im „Blauen Bock“ wurde Lia Wöhr bundesweit ab 1966 einem Millionenpublikum bekannt und noch heute ist ihr Gesicht untrennbar mit der beliebten Erfolgssendung verknüpft.

Die Kraft und die Vielseitigkeit von Lia Wöhr suchten ihresgleichen. Das hessische Sprachtalent beherrschte Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch und Englisch, was es ihr möglich machte, auch international zu arbeiten. Sie lernte die großen Bühnen der Welt kennen, spielte und inszenierte unter anderem in Mailand, Paris, Buenos Aires und London. Lia Wöhr hatte eine grundsolide Ausbildung, war vielseitig begabt, konnte hervorragend mit Menschen umgehen und zeichnete sich durch dieses gewisse Etwas aus: Ihre enorme Ausstrahlung, verbunden mit der Fähigkeit, sich und andere immer wieder für interessante Projekte zu begeistern. Kein Wunder also, dass Lia Wöhr, als sie 1976 in den eigentlich wohlverdienten Ruhestand ging, mit ihrem Engagement für den deutschen Kulturbetrieb kaum nachließ. Zwar wurden Ihre Auftritte auf den Frankfurter Theaterbühnen seltener, dem Fernsehen blieb sie aber treu. So war sie nicht nur weiterhin beim Blauen Bock zu sehen, sondern spielte 1980 die Hauptrolle in „Guten Abend Mrs. Sunshine“. Gleichzeitig wirkte sie in diversen Krimis der Tatort-Reihe mit; letztmalig im stolzen Alter von 83 Jahren.

Lia Wöhr hat im Laufe ihres ereignisreichen Lebens eine Fülle von Ehrungen erhalten, darunter den Stoltze-Preis, den Verdienstorden des Landes Hessen und das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Ihre Biografie „Meine Welt ist ein großes Theater“ erschien kurz vor ihrem Tod am 15. November 1994.

Die Popularität von Lia Wöhr ist bis heute ungebrochen. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass sie trotz ihrer enormen Erfolge vor und hinter der Kamera nie ihre hessischen Wurzeln verloren hat. In Frankfurt geboren, in Oberursel gestorben – und dazwischen bereiste sie die weite Welt. Sie kam aber jedes Mal zurück und trug, wo immer sie auch war, stets ein Stück Heimat mit sich. Davon zeugt ihre mittlerweile legendäre handschriftliche Notiz „Wo ich bin ist Hessen“. Wer Lia Wöhr gekannt hat, weiß dass es so war.

(red. WH Foto:Archiv Lia Wöhr/txn)
 
BvS


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