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Über dem Tellerrand - Nara |
Nara (Von Alexander Lewitzki)
 Nara
Eines Tages, es war Anfang März, lag sie einfach vor der Tür. Auf der Fußmatte vor dem Eingang des kleinen Restaurants, in Sichtweite zum Meer, ganz im Süden Europas, in einem kleinen Fischerdorf im Südosten der portugiesischen Algarve. Hellbraun, zottelig, wobei sich im wilden Rassenmix sichtlich ein Dackel als dominant durchgesetzt hatte. Dackelgesicht, Schlappohren, Dackelschwanz und Dackelbeine, das Ganze allerdings ein wenig länger und breiter, als dackelgewohnt. Statt eines Halsbandes trug sie einen Strick, dessen freies Ende an den Griff der Eingangstür des Lokales geknotet war. Augenscheinlich war auch, warum sich einige wohl recht herzlose Zeitgenossen der Hundedame entledigt hatten – sie war kugelrund, weil hochträchtig.
Trotz allem erwies sich die Adresse als geschickt gewählt. Elisabeta, die Wirtin des Lokales, ist in dem Dörfchen Fuseta als ausgesprochen tierlieb bekannt, was in diesen Regionen Europas als wahre Ausnahme gelten darf. Kolportiert wird, dass Donna Elisabeta einen großen Teil des Erlöses aus ihrem Restaurant – das übrigens nach ihrem Chow-Chow „Buda“ benannt ist – in die Pflege und Verköstigung zahlreicher Hunde, Katzen und gar eines alten Esels (nicht ihr Ehemann) steckt, der seit geraumer Zeit bei ihr sein Gnadenbrot verzehren darf.
Wie richtig vermutet, nahm sich Elisabeta auch tatsächlich des bedauernswerten Geschöpfes an, baute ihr im Schatten einer Palme eine Höhle aus einem ihrer Gartentische, verkleidet mit Sonneschirmen und sichtgeschützt mit Hilfe einiger Sagres-Kisten. Natürlich gab’s reichlich Futter und frisches Wasser und fortan wich die Hunddame Elisabeta nicht mehr von der Seite. Eng begrenzt um das Lokal gestaltete sie ihren Ausgang, wobei sie um die Tische herumtrottend teils mitleidige, teils liebevolle Blicke auf sich zog. Immer wieder aber fand man sie schwer atmend auf der Fußmatte vor der Eingangstür, wo sie müde den Kopf hob und mit mattem Schwanzwedeln Dank signalisierte, so man sie streichelte und hinter den Schlappohren kraulte. Klar war, lange würde es nicht mehr dauern, bis sie ihre Jungen zur Welt bringen würde.
Und so war es natürlich nicht verwunderlich, dass Elisabeta eines morgens in die Höhle spähte und ein Gewusel sechs handtellergroßer, fiepender, hellbrauner, blinder Winzlinge gewahrte, die eifrig von ihrer Mama abgeleckt wurden, so sie sich nicht gerade hingebungsvoll an deren Milchbar bedienten.
 Nara mit Angelika
Fortan waren die Kleinen die Attraktion am Platz, und es fehlte dank der Freunde und Bekannten von Elisabeta, der Residenten im Ort und vom benachbarten Campingplatz nicht an Zuwendung in Form von Spenden und Hundefutter kistenweise. Erfreulicherweise meldeten sich auch spontan Interessenten, die bekundeten, eines der Kleinen zu gegebener Zeit zu sich zu nehmen, wobei zu bemerken ist, dass Elisabeta sich die Menschen sehr genau anzuschauen pflegt, denen sie eines ihrer Tierchen anvertraut.
Soweit war es indes noch lange nicht. Zunächst galt es für die Kleinen das Leben zu erobern und das per trinken, schlafen und wachsen. Täglich beobachteten wir ihre Fortschritte in dieser Hinsicht, stellten fest, dass wir es mit vier Buben und zwei Mädels zu tun hatten, und dass es in der Höhle recht lebhaft zuging. Die Kerlchen gediehen prächtig unter der liebevollen Obhut ihrer Mama und hatten bereits nach wenigen Tagen das doppelte an Größe und Gewicht erreicht, welches sie bei der Geburt aufzuweisen hatten – alle bis auf eines der beiden Mädels. Seit zwei Tagen hatten wir beobachtet, dass es sich zwar redlich zappelnd abmühte, auch etwas von Mamas Milch abzubekommen, aber stets von ihren mittlerweile viel größeren Brüdern einfach überrollt und abgedrängt wurde. Es stand zu befürchten, dass es das Kleine nicht schaffen würde, umso mehr, als es bereits erste Symptome des Austrocknens zeigte – diagnostiziert von einer „Menschenärztin“, jedoch nichts desto weniger richtig und bedrohlich.
Was tun?
Dem Darvinisten zu folgen, wonach nur der Stärkste überlebt und der Schwache naturgemäß auf der Strecke bleibt, mag in der freien Wildbahn seinen Sinn haben, angesichts der vorhanden Hilfsmittel unserer Zivilisation indes ist ein solches Argument nichts als eine faule Ausrede. Wer verlangt, der Natur ihren Lauf zu lassen und tatenlos zusieht, wie ein kleines Leben nach und nach verlöscht, dem hat die Natur das Wesentlichste vorenthalten – Menschlichkeit!
Also gab es für uns, Elisabeta und unseren deutschen Freund, der das Nachbarlokal des O’Buda betreibt und des Portugiesischen mächtig ist, keine Frage: Wir pflückten den Winzling aus der Höhle, packten das zitternde Etwas in ein warmes Handtuch und begaben uns unverzüglich auf den Weg in den nächst größeren Ort zum Veterinär, Welpenmilch und Fläschchen einkaufen.
Ein Telefonanruf bei einem befreundeten Tierarzt in Deutschland brachte uns neben allerlei praktischen Tipps eine Tabelle, in der verzeichnet ist, wann, wie viel und wie oft ein sieben Tage altes Hundebaby das Fläschchen braucht, um dereinst ein richtiger Hund zu werden. Ganze 180 Gramm brachte das Kerlchen auf die Briefwaage und es passte bequem in meine Handfläche hinein. Da braucht’s schon alle zwei Stunden ein paar Milliliter Kraftstoff, um zunächst das Verpasste aufzuholen und dann kräftig zuzulegen.
Also gingen wir’s entsprechend an, wobei mir Goethes Mephisto in den Sinn kam, der dem Schüler seinerzeit erläuterte „Das kommt nur auf Gewohnheit an. So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich im Anfang willig an; doch bald ernährt es sich mit Lust“ – das Kleine weigerte sich zunächst vehement, den Gummisauger zu akzeptieren und es bedurfte überzeugender Handgriffe, das Teil ins Mäulchen zu praktizieren, was schließlich gottlob gelang.
Von nun an drehte sich alles ums Hundchen. Durch lautstarkes Fiepen verkündete sie entweder Hunger oder Unmut, den es zu besänftigen galt. Nächtens fehlte ihr offenbar die Wärme der Geschwister, also legte ich sie in meine Handfläche, wo sie sich wohlig einkringelte und friedlich schlief, was ich von mir nicht behaupten konnte. Ich verfiel in einen unruhigen Halbschlaf, immer bedacht, die Kleine nicht aus der Hand zu verlieren, um mich schlimmstenfalls dann draufzulegen. Das Ergebnis war ein völlig verspannter Rücken und höllische Schmerzen in Arm und Schulter.
Drei bange Tage dauerte es, bis sich abzeichnete, dass wir’s wohl schaffen würden, unseren Zögling über die Runden zu bringen. Nach anfangs zögerlichem Genippe am Fläschchen, süffelte das Kleine alsbald in derartiger Windeseile das Dargereichte leer, dass ein kräftiger Schwupps wieder raussprudelte. Es wuchs, passte nach wenigen Tagen nicht mehr in die Handfläche, sondern reichte fast schon bis in die Ellenbogenbeuge und nährte sich zunehmend der 500 Gramm-Marke.
Da wir es nicht allein zu Hause lassen konnten und auch nicht wollten, wurde es zu unserem ständigen Begleiter. Wir bauten ihm einen Transportbehälter aus einer ausgedienten Styropor-Kühlkiste, ausgepolstert mit Handtüchern und einem erwärmten Fangokissen, der sich solange bewährte, solange es unserem Wusel darin nicht zu langweilig wurde. Dann nämlich strebte es an der Wand nach oben und schickte sich an, aus seinem Behältnis herauszuklettern, was unweigerlich zum Absturz geführt hätte. Immer dann fischten wir die Kleine aus ihrem Kasten, stopften sie entweder unter Hemd oder Bluse oder trugen sie einfach in der Armbeuge, in die sie sich wohlig schmiegte. Ein derartiger Transport brachte mir bei einem Spaziergang über einen der zahlreichen Zigeunermärkte unversehens ein neues Hemd ein. Baby-Lebewesen pflegen eine gewisse Undichte aufzuweisen und partiell und temporär zum Auslaufen zu neigen…
 Nara wohlauf im Grünen
Mittlerweile zählte unsere Kleine gut vierzehn Tage und erkundete mit nunmehr offenen Äugelchen eifrig und laut fiepsend seine Umgebung, tapste noch reichlich wacklig durchs Haus, erkundete Terrasse und Garten, um sich von einer Minute auf die andere zusammenzurollen und einzuschlafen – bis zum nächsten Hungeranfall.
Wo immer wir mit dem Kerlchen auftauchten, zogen wir nicht nur die Aufmerksamkeit der Kinder auf uns, die ihr Tollen zumindest kurzzeitig einstellten und, manche schüchtern, andere forsch, sich zu uns gesellten, um unser Hundchen anzuschauen, zu streicheln oder gar einmal auf den Arm nehmen zu dürfen.
Höchst amüsant gestalteten sich hierbei die Dialoge. Die Kleinen fragten oder erzählten eifrig irgendetwas, dessen Sinn uns ob mangelnder Sprachkenntnisse in der Regel verborgen blieb. Erwachsene wechseln in diesem Fall ins Englische etwa oder machen sich sonst irgendwie verständlich. Nicht so Kinder, denen jedwedes Verständnis dafür fehlt, dass es Menschen gibt, die ihre, der Kinder, Muttersprache nicht beherrschen. Also wiederholen sie ihre Fragen geduldig immer wieder, zunehmend vielleicht ein wenig lauter und langsamer. Wie dem auch sei, Hilfe von benachbarten Tischen in unseren Lieblingscafes kam stets zur rechten Zeit und erwies sich immer als hilfreich.
So gelang es uns recht leidlich, dem Tierchen seinen Weg ins Leben zu ebnen und es dankte uns mit vollkommener Inanspruchnahme. Vehement verlangte es entweder körperlichen Kontakt oder Futter. Mittlerweile hatte es sich auf einen Sechs-Stunden-Rhythmus eingestellt, wobei es jeweils vergleichbar gewaltige Mengen an Milch wegschlabberte und es sichtlich genoss, anschließend den Bauch massiert zu bekommen, um die Verdauung anzuregen. Danach war Schlaf angesagt, zumeist wohlig dahingestreckt in der Halsbeuge oder im Arm.
Lange haben wir hin und her überlegt, ob wir die Kleine nicht doch mit nach Hause, nach Deutschland, nehmen sollten, ja eigentlich müssten. Doch was würden unsere drei alteingesessenen Hauskatzen dazu sagen? Im übrigen war sie bereits einer Familie versprochen, die neben drei Kindern und einer deutschen Mama noch zwei weitere, allerdings große Hunde und eine Siamkatze zu bieten hat. Jessica, die Köchin unseres deutschen Freundes und Wirts, und ihre Kinder würden sich liebevoll um das Kleine kümmern, davon waren wir überzeugt.
Also packten wir schweren Herzens zwei Tage vor unserer Abreise das Kästchen mit Hundebaby, Welpenmilch, Fläschchen und Spielzeug und machten uns auf den Weg ins Lokal unseres Freundes, um auf den Abschied und die Übergabe anzustoßen, nicht ohne zu versichern, dass wir am folgenden Tag, für dieses Mal zuletzt, noch einmal erscheinen würden, um uns nach dem Befinden unseres Zöglings zu erkundigen.
Was uns an diesem Abend dann erwarten sollte, lässt unsere Herzen noch heute springen: Jessica berichtete uns, die Kleine habe nun drei Adoptiveltern: Sie selbst, die Kinder und – ihre Siamkatze! Die hatte wenige Tage zuvor selbst zwei Junge bekommen, und nach kurzem Schnüffeln das Hundebaby sogleich zu sich genommen. Fotos, die Jessica mitgebracht hatte, zeigten denn unsere Kleine eng an die Kätzin geschmiegt, die es eifrig leckte, währenddessen eines der Katzenkinder zwischen den Pfoten des Hundchens kuschelte.
Ihr Name ist jetzt Nara – das ist Keltisch und heißt „die Glückliche“.
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